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Die Gründung der Universität BerlinJ. Bahlen Aus der Rede zur Gedächtnisfeier der Universität am 3. August 1887 in der Aula der Friedrich-Wilhelms-Universität gehalten. In der Residenz des Reiches eine allgemeine Lehranstalt zu gründen, war ein schon am Ende des vorigen Jahrhunderts ergriffener und seitdem nie wieder ganz beiseite gelegter Gedanke; und vieles kam ihm entgegen und schien zur Ausführung zu raten: hier, wo zahlreiche Gelehrte in verschiedenen Zweigen der Wissenschaften sich betätigen, wissenschaftliche Institute und Sammlungen mannigfaltiger Art, deren eine wohl ausgerüstete Universität nicht entbehren konnte, bestanden, inmitten einer geistig angeregten und von vielfachen Interessen für Wissenschaft und Kunst belebten Bevölkerung, konnte eine neue allgemeine Lehranstalt als vereinigender und belebender Mittelpunkt des bereits Vorhandenen auf den Beifall Vieler rechnen. Aber ob und wie bald in dem gleichmäßigen Gang friedlicher Entwicklung der Gedanke zur Verwirklichung gediehen wäre, wer vermöchte es zu sagen? Denn auch abmahnende Gründe stellten sich ein, aus den Beziehungen zu anderen preußischen Universitäten, aus den Verhältnissen der Hauptstadt selbst gezogen; und vor allem mangelte das zwingende Bedürfnis, das ein so kostspieliges Unternehmen dem Staate aufzuerlegen rechtfertigen konnte. Nicht das behagliche Wohlgefühl, das aus dem Überfluß befriedigter Zustände entspringt und sich auch einen Luxus, zumal einen so edeln, gestatten darf, sondern die Not hat sie in das Dasein gerufen. Denn selbst der äußere Anstoß, daß von den drei altpreußischen Universitäten, Königsberg, Frankfurt a. O. und Halle, die letztere, in einem Augenblick, da sie eines besonderen Flores sich erfreute, erst aufgehoben, dann wiederhergestellt, mit dem Verlust der Elbländer für Preußen verloren war, und Ersatz wünschbar machte, hätte schwerlich schon die Stiftung der Berliner Universität im Gefolge gehabt, wenn nicht eindringlicher mahnende Gründe sie geboten und beschleunigt hätten. Den Vorschlag der Hallischen Deputierten, die Universität Halle nach Berlin zu verlegen, erwiderte der König mit der Absicht, vielmehr eine neue Universität Berlin zu eröffnen. War ihm jetzt erst dieser Gedanke nahe getreten, oder hatte er sich schon länger damit befreundet: was der edle Fürst, der fern von seiner Hauptstadt einzig bedacht war, seinem schwer geprüftem Lande eine Erleichterung von den drückendsten Lasten zu erwirken, und den daniedergeworfenen Staat wieder aufzurichten, von der neuen Gründung erwartete, läßt das unvergeßliche, oft wiederholte Wort erkennen, mit dem er seine Absicht begleitete: man müsse, was der Staat an physischen Kräften verloren, durch geistige zu ersetzen suchen. Denn das war die Losung der Zeit. Da die materiellen Verhältnisse in allen Zweigen daniederlagen, die geistigen Kräfte, die unendlicher Expansion fähig sind, zu entfalten und zu heben, und während die äußere Macht des Staates gebrochen war, und jede Regung, die ihm gebührende autonome Stellung wieder zu gewinnen, gewaltsam erdrückt ward, an einer Regenerierung des Staates von innen heraus zu arbeiten, was das Ziel, an dessen Erreichung die hellsten Köpfe der Zeit in patriotischem Eifer ihre Tatkraft setzten. "Eine in ihrer Art einzige Erscheinung ist es doch," schreibt Leopold von Ranke, "daß in einem so niedergedrückten und gleichsam zur Vernichtung bestimmten Lande Ideen erwachen und Eingang finden, welche das Zusammengreifen einer allgemeinen Tätigkeit zu den höchsten Zwecken der Gesellschaft und des Staates, die zugleich Ideale der Menschheit sind, moralischer, intellektueller und sozialer Natur, als Lebensbedingung für die Zukunft aufstellen: es ist eine Regeneration von Grund aus, wonach man strebt, frei von allem Herkömmlichen, so daß gleichsam eine neue Nation gebildet werden soll." Und wunderbar genug, trotz aller Ungunst der Umstände war diese unter lauerndem Druck halbverstohlen sich vollziehende Tätigkeit von einem Vertrauen beseelt, das allein schon die Hälfte des Erfolges war. Was Demosthenes seinen Athenern zurief, sie sollten den Mut nicht sinken lassen, so verzweifelt auch ihre Lage sei; denn gerade, daß ihre eigene Säumnis in der vergangenen Zeit die schlimmen Zustände mit herbeigeführt habe, lassen Hoffnung schöpfen für die Zukunft, fand Anwendung auf das damalige Mißgeschick des preußischen Staates, das zwar wie ein Wetterstrahl über die Köpfe aller hinweg hereingebrochen war, aber so, daß den Einsichtigen unverborgen blieb, auch eigene Schuld habe Anteil an dem Unglück gehabt und habe dem hereinflutenden die Dämme weggezogen. So ward mit der Erkenntnis, daß das Räderwerk des Staates nicht in allen Stücken mit dem raschen Flug der Zeiten Schritt gehalten, die Zuversicht genährt, wenn alle Kräfte in Bewegung gesetzt würden, müsse das Werk der Verjüngung gelingen, und das entschlossene Vorangehen des Königs auf der Bahn der Erneuerung ließ den Glauben an Preußens Zukunft auch in den schlimmsten Tagen der Not nicht wanken. Wir lesen mit Bewunderung die denkwürdigen Urkunden, in denen die leitenden Männer der Zeit die Gesinnungen niedergelegt, von denen ihre Regenerationsbestrebungen geleitet waren. Freiherr von Stein hat in dem Augenblick, da er fremde Gewalt weichend den preußischen Dienst verließ, in seinem politischen Testament, wie es genannt wird, das zwar nicht von seiner Hand geschrieben, aber von seinem Geist diktiert ist, die fundamentalen Ideen, von denen die unglücklichen Jahre 1807 und 1808 beherrscht waren, in unvergänglichen Zügen eingezeichnet. Zurückblickend auf die von ihm bereits geschaffenen und vom König gutgeheißenen Neuerungen, "durch welche jedermann zum freien Gebrauch seiner Kräfte Raum erlangt habe," bezeichnet er die noch rückständigen Umgestaltungen, bei denen man auf den Willen und den beharrlichen Sinn des Königs rechnen könne, und fügt hinzu: "damit aber die neuen Einrichtungen ihre Früchte tragen, Treu und Glauben, Liebe zu König und Vaterland gefördert werde, müsse man für die Erweckung des religiösen Sinnes im Volke Sorge tragen ... und wenn dazu eine solche Erziehung der Jugend komme, daß jede Geisteskraft entwickelt und Liebe zu Gott, König und Vaterland gepflegt werde, so könne man hoffen, ein physisch und moralisch kräftiges Geschlecht aufwachsen und eine bessere Zukunft sich eröffnen zu sehen." Schon im Jahre zuvor (1807) hatte v. Hardenberg auf des Königs Geheiß eine alle Zweige des öffentlichen Lebens umfasende Denkschrift "über die Reorganisation des preußischen Staates" entworfen. Indem er mit sanfter Hand die Schäden berührt, an denen das Staatswesen litt und die Mittel, die Herstellung versprachen, aufdeckt, brechen auch hier die unter dem Druck erwachsenen freiheitlichen Anschauungen der Zeit hervor. Insbesondere erwartet auch er von der gedeihlichen Wirksamkeit der Wissenschaft und des Unterrichts große Erfolge für die Regenerierung des Ganzen, er wie sein Freund Altenstein, dessen gleichzeitige Entwürfe Hardenberg benutzte. War ihr gemeinsamer Grundsatz , "daß die natürliche Freiheit nicht weiter beschränkt werden müsse, als es die Notwendigkeit erfordert," woraus "die möglichste Herstellung des freien Gebrauchs der Kräfte der Staatsbürger aller Klassen sich von selbst ergebe", so sind beide auch darin einverstanden, "daß die Freiheit im Unterricht nicht durch positive Vorschriften beschränkt werden und daß der Zweck nicht sowohl die Anfüllung des Menschen mit positiven Kenntnissen als die Ausbildung seiner Denkkraft und deren Hinleitung zu dem höheren Geistigen sein müsse"; und über die Wissenschaft urteilte von Altenstein, den ein günstiges Geschick zum künftigen Leiter der preußischen Universitäten ausersehen hatte, "werden der wissenschaftlichen Ausbildung keine ängstlichen Fesseln angelegt und wird der Zustand der Wissenschaft nicht vom Staate selbst auf einen Punkt gebannt, so wird sich deren wohltätige Wirkung auf das ganze gemeine Leben erstrecken: jede Wissenschaft schreitet unaufhaltsam fort, und der Gewinn übersteigt im ganzen den Nachteil, den einzelne Verirrungen herbeiführen können." Auch Scharnhorsts tief ergreifende und in zähem Kampf mit den größten Schwierigkeiten durchgesetzte militärische Erneuerung war von denselben, alle gleichmäßig beherrschenden Ideen getragen. "Man muß der Nation das Gefühl der Selbständigkeit einflößen," schreibt er: "wir haben auf eine innere Reorganisation des Militärs, in Hinsicht sowohl auf die Formation, das Avancement, die Übung, als auch insbesondere den Geist hingearbeitet. Der König hat ohne alle Vorurteile nicht allein sich willig gezeigt, sondern uns sehr viele, dem Geist und den neuen Verhältnissen angemessene Ideen gegeben." Es bedarf nicht, und es ginge über mein Vermögen, die großen und dauernden Errungenschaften zu verfolgen, die aus diesen Bestrebungen hervorgegangen sind und die Verjüngung des Staates herbeigeführt haben. Nur den Geist versuchte ich mit wenigen Strichen anzudeuten, der dieser Tätigkeit Ziel und Richtung gegeben. Denn das ist derselbe Geist, der die Friedrich-Wilhelm Universität in das Leben rief und ihr den Beruf vorgezeichnet hat. Doch daßihre Gründung zur Tat ward, von der auch Hardenberg in seiner Denkschrift sich günstigen Erfolg versprach, dazu bedurfte es noch des persönlichen Eingreifens eines Mannes, der gleich den Genannten zu den Säulen gehört, die damals den wankenden Staatsbau zu stützen Kraft und Beruf besaßen. Wilhelm von Humboldt, an die Spitze der preußischen Unterrichtsverwaltung gestellt, hatte als vornehmstes Ziel seiner Tätigkeit die Aufgabe ergriffen, die Preußen verbliebenden Universitäten Königsberg und Frankfurt durch neue Lehrkräfte und reichere Lehrmittel nach Möglichkeit zu heben, und die geplante, beschlossene, aber immer hinausgeschobene Gründung einer neuen in Berlin zum Abschluß zu bringen. Es war um die Zeit, als die Siege und Kämpfe bei Aspern und Wagram den Glauben an die persönliche Unbesiegbarkeit Napoleons zu erschüttern anfingen und im Norden allenthalben die Flammen patriotischer Begeisterung züngelten, die der besonnenen Staatsklugheit nur mit Mühe gelang zu ersticken (denn noch war die Stunde nicht gekommen), in diesen Tagen war es, daß die letzten erfolgreichen Schritten geschahen, hier in der Hauptstadt fast unter den Augen der Franzosen, die, soweit ihre Macht reichte, geschäftig waren, die deutschen Universitäten aufzuheben oder ihrer Eigentümlichkeit zu entkleiden, eine neue reich ausgestattete zu eröffnen, von der auch das erwartet wurde, daß sie, wenn der Augenblick komme, von der Macht des deutschen Geistes Zeugnis geben und den Verachteten an seinen Verächtern zu rächen helfen werde (und sie hat Wort gehalten), vor allem aber, daß sie durch die Entfaltung der geistigen Kräfte an ihrem Teile mitwirkte, den schwer unter materiellem Druck seufzenden Staat aufzurichten und ihm neue Spannkraft zu verleihen. Denn nicht
das sollte ihr Beruf sein, daß sie den kärglich abgemessenen
Bedarf an wissenschaftlichen Kenntnissen für die verschiedenen Berufsarten
des Lebens verabfolge und für den Dienst wohl zubereitete Beamten
dem Staate liefere, sondern das vielmehr, daß sie ihre Jünger
anleite, in hingebungsvoller Pflege jeder Wissenschaft zu freiem und selbständigem
Gebrauch ihrer intellektuellen Gaben sich zu entwickeln und die unversiegbare
moralische Kraft an sich zu verspüren, die aus der Erforschung der
Wahrheit strömt. So steht unsere hohe Schule da als ein Ergebnis
des unter überwältigendem Druck mächtig hervorbrechenden
nationalen Aufschwungs, und auch ihr ist bei ihrer Geburt etwas von dem
idealen Hauch zuteil geworden, der den trotzallen äußeren Ungemachs
im Aufsteigen begriffenen Staat erfülle. |
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